„Deutschland und die Schule ist gut“

Ein Jahr und einige Monate sind seit meinem ersten Arbeitstag vergangen. Für mich wurde der Unterricht zur Normalität, während meine Schüler langsam in einer anderen Welt stranden.

Viele der Jugendlichen haben vor drei Monaten ihr Ziel erreicht und bemerkt, dass sie nicht ankommen dürfen. Sie sind in einem Land gestrandet, das sie in ihrem Leben zwischen Angst, Krieg, Armut oder Hoffnungslosigkeit zum Ideal geformt hatten. Ein Land, das nicht wie „Afghanistan nur viel besser ist“. Sie bemerken, dass Frauen in kurzer Kleidung nicht nur auf Covern zu sehen sind, dass es Wörter wie „Patchwork-Familie“ und „Homoehe“ gibt und dass moralische und kulturelle Verständnisse zu Missverständnissen führen.

Wenn unsere Eltern entschieden haben, dass wir Flügel bekommen haben oder hoffen, dass uns welchem beim Fall wachsen, stupsen sie uns meist zärtlich aus dem Elternhaus. Wir stolpern mit unseren jungen Jahren in eine Welt voller Möglichkeiten, um zu bemerken, dass es doch nur wenige sind. Wir machen unsere Fehler und kämpfen um unsere Unabhängigkeit, während wir irgendwann doch um Rat fragen, einen Auslandsaufenthalt bis ins Detail planen und in unseren Studentenwohnheimen das Leben diskutieren. Während wir in unseren kleinen Wohnungen mit einer Flasche Wein und Freunden über die Menschen und die Welt debattieren, während wir in Kommentaren die Flüchtlinge verurteilen, bei einer Wahl nicht mitentscheiden, einen Schultag verabscheuen und die Lösungen der Probleme schon gefunden haben, suchen andere in unserem Alter einen Schlafplatz. Wir wollen frei sein und rebellieren, um in einer stillen Minute zwischen Alkohol, Freiheit und den geliebten Festivals unsere Eltern anzurufen. Während wir einige Zahlen eintippen und nebenher eine Zigarette anzünden, werden andere ihre Familie nie wieder hören. Sie erzählen von ihrem bisherigen Leben und ich kann allein die Erklärungen nicht begreifen. Wer kann in Deutschland verstehen, wie das Leben in einem Krisengebiet ist, wie sich der Alarm vor den Bomben anhört, wie es ist eine Leiche zu sehen, wie sich Hunger wirklich anfühlt. Und selbst wenn manche meiner Schüler von diesen Erfahrungen verschont blieben, hatten sie Gründe um ins Ungewisse zu gehen.

Meine Schüler möchten diese neue Welt verstehen und die Menschen in Deutschland das Fremde. Doch Verstehen und Verständigung ist der schwerste Weg und somit bahnen sich beide Gruppierungen kleine Trampelpfade. Beide spazieren durch die gleiche Stadt und doch versuchen sie sich aus dem Weg zu gehen. Der Fremde versucht den Deutschen einzuordnen. Der Deutsche möchte den Fremden einordnen können.
Wir können keine Schublade eindeutig beschriften und somit sind es nicht „Die armen Flüchtlinge“, nicht „Die Wirtschaftsflüchtlinge“, nicht „ Die Vertriebenen“ und auf keinen Fall „Die Flüchtlinge, die unser Abendland zerstören“. Wir dürfen keine Schublade eindeutig beschriften und somit sind es nicht „Die reichen Deutschen“, nicht „Die Pünktlichen“, nicht „Die Sauerkraut-Liebhaber“ und hoffentlich nicht „Die ängstlichen Anhänger der rechten Parteien“. Wir sind Menschen. Auf beiden Seiten gibt es Menschen, die anderen schaden und auf beiden Seiten gibt es Menschen, die unter diesen Menschen leiden.

Mein eigener Kurs, bestehend aus erwachsenen Schülern, ist mein ruhiger Gegenpol geworden. Hier wird der Unterricht zur entspannten Unterhaltung und die Teilnehmer sind Freunde geworden. Meine minderjährigen Schüler sind keine Engel und verstehen es bis an alle Grenzen zu gehen und jegliche Autorität zu fordern. Sie demonstrieren gegen die Welt, das Lernen, den Alltag und die Regeln und Normen im neuen Land. Diese Gruppe hätte unseren alten Lehrern gezeigt, was eine Problemklasse ist, und lässt keine Schwäche von meiner Seite zu. Und doch am ersten Tag haben wir über ihr Leben in Deutschland gesprochen. Drei der Schüler legten mir, mit der Bitte es nicht vorzulesen, ihre Zettel nach vorne.

„ Liebe Sarah. Ich bin 16 Jahre. Ich bin aus Afghanistan und 3 Monate in Deutschland. Ich war nicht in der Schule. Ich will in Deutschland lernen. Ich will gut lernen und eine Arbeit finden. Ich mag Deutschland. Im Heim habe ich Freunde. Ich habe Angst in der Nacht. Ich denke in der Nacht an meine Familie. Deutschland und die Schule ist gut.“

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