Das Sonnen in deinen sexistischen Spruchbildern.

Gestern geschah es wieder: ich sah deinen Post und wollte mein Smartphone abschalten und die Menschen finden, die diese Spruchbilder erfunden haben. Finden und in ein Gefängnis mit Sonnenuntergangsbildern und Herzen einsperren. Bis kein Spruch mehr über ihre Tastaturen kommt. Bis diese Meister aus der Internetleitung gefallen sind. Bis auch der letzte Spruch gerodet wurde. Und doch habe ich mich in dich – du mit diesen erschreckenden Bildern – verliebt.

Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Facebook-Seite mit Bebilderungen, Gefühlsäußerungen, Lebensweisheiten und Kommentarfunktionen. Ich brauche keine Reality-Shows mehr, wenn ich dein Leben in meinen Alltag integrieren kann, wenn mich dein Gute-Nacht-Foto mit #ungeschminkt und #ohneFilter in das letzte geschminkte Gesicht des Tages blicken lässt.

Ich hätte die Online-Scheuklappe aufsetzen können, aber du bist zu meinem Wetter geworden. Und ich gehe ohne Regenschirm durch meine Timeline.

Manchmal sonne ich mich in deinen sexistischen Spruchbildern, die mir wunderbar erklären, wie RTL2 die Frauen und Männer sieht. “So viele Bartträger heutzutage, doch es steckt so wenig Männlichkeit in ihnen” – diese Lebensweisheit hat mich heute begleitet. Dir scheinen die Spruchbilder nicht auszugehen und du hast das einmalige Talent, einen Spruch zu jeder Lebenslage – oder Beziehungslage – zu finden. Der Beziehungsstatus wird auf deiner Tastatur zu einem kleinen Nichts auf einer bebilderten Seite. Einem Kinderbuch gleich präsentierst du deine Beziehungssituationen mit ansprechendem Bildmaterial, das durch die Sprüche diesen unendlich tiefen Sinn bekommt.

Wenn sich deine Posts widersprechen, lockerst du die Stimmung in meiner ernsten Timeline durch Selfies und eigene Spruchaneinanderreihungen auf. Mit der Einführung der Gefühlsäußerung zu den Posts hat Facebook dir ein Geschenk gemacht und meine Interpretation deines Lebens erleichtert.

Ihr, dieses unbeschwerte Paar auf meiner Timeline, das seine kleinen Gewitter mit der Welt teilte, wart mein Frühlingswetter. Ich stürzte mich mit euch in die großen Unwetter der Beziehung und erkannte eure Versöhnung in diesem Sonnenuntergang, welcher eines Abends auf deiner Timeline erleuchtete. Wer braucht einen eigenen Horizont, wenn er mit euch den Sonnenuntergang liken kann?

Während sich andere über diesen verregneten Sommer ärgerten, gaben mir eure Posts das tägliche Material zum Beschweren. Als hätte ich ein Abo abgeschlossen, wurde ich mit Inhalten überschwemmt. Die heftigen Diskussionen in den Kommentarspalten, deine Sprüche, die auch an einem sonnigen Tag die passende Regenstimmung verbreiten konnten und die Zitate, die mich auch im Urlaub an die aktuellen Social Media-Zustände erinnerten. Welche Redaktion benötigt noch Hasskommentare, wenn ein Paar in den Kommentarspalten über das Fremdgehen der einen Person diskutiert?

Ein Erlebnis wird uns immer verbinden. Dieser Unterrichtstag im August, an welchem ich mit meiner Klasse über die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern sprach. In der kleinen Pause leistete deine Seite diesen eindrucksvollen Beitrag: “ Tipp an alle Männer: Du heiratest nicht ihre wunderschönen Augen oder ihre tolle Geschichte. Sondern .. Du heiratest sie, weil Du denkst, dass Sie fähig ist Deine Kinder zu erziehen, mit ihrem Benehmen und mit ihrem Charakter .. und, nicht mit ihrem Aussehen”. Noch heute steigen mir Tränen in die Augen. Ich vor meinem Smartphone. Ich gerührt von dieser progressiven Auffassung. Du laut Gefühlsäußerung – ‘voll motiviert’.

Heute meldete sich dein Beziehungsstatus bei mir und das ausufernde Bildmaterial bestätigte meinen Verdacht. Ein Abschied kommt selten allein. Ich sollte mich mit einem kleinen Klick von der Seite trennen – noch einen Sonnenuntergang – noch einen kleinen Spruch für den Abend – noch ein Gute-Nacht Bild – und dann hatte ich es getan.

Ich hatte mich in deine Facebook-Seite verliebt; in diese Unbeschwertheit zu Zeiten der Datenschutzdebatten, in deine persönliche Reality-Show und in deine Spruchbilder, die meistens direkt unter den ‘Nachdenkliche Sprüche mit Bilder’-Posts in meiner Timeline erschienen. Doch nicht nur die Interpunktion hat deine Seite verlassen, sondern auch mein moralisches Empfinden. Aus Respekt vor deiner Privatsphäre und aus Respekt vor den kommenden traurigen Spruchbildern und #keinEhrenmann – Texten gehe ich nun. Halte dein Tagebuch in Ehren und gehe deinen Weg. Vielleicht führt er dich auf neue Spruchbilder, vielleicht auf eine Satire-Seite und vielleicht in einen privaten Status.

Ich folge dir nun nicht mehr. Und doch habe ich gerade gemerkt, dass wir uns auf Instagram folgen. Vielleicht schicke ich dir ein Spruchbild und wir entscheiden über unsere weitere Beziehung. Wir sehen uns in der Kommentarspalte.

Anhang: Dieser Text ist allen Spruchbild-Liebhabern gewidmet. Denn ein Bild mit Text sagt mehr als tausend Worte.

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