Der 11. September und die Angst vor Flugzeugen

Wir steigen ein und du senkst den Blick. Deine Augen spiegeln das Bildschirmlicht und unsere Straßenbahn bremst an der nächsten Haltestelle. Deine Daumen wischen über die schnellen Zeilen der heutigen Zeit, über Todesanzeigen, markieren die Herkunft der Täter und übersehen die guten Nachrichten. ‚Deine Daumen können nicht sehen‘, denke ich. Deine Finger sollten vor Angst zittern, aber sie gleiten über das Display. In dieser Zeit wird in den Redaktionen von Zehnfingersystemen neues Futter zubereitet.

Du wünscht dir Sicherheit.

Nach dem 11. September erzählte ich meinem Vater, dass ich eine gewaltige Angst vor Flugzeugen habe. So hatte ich doch befürchtet, dass ein Flugzeug in unser Wohnhaus fliegen würde. Mein Vater hat mir erklärt, dass es keine vollkommene Sicherheit geben kann. Nicht auf dem Weg zum Kinderturnen und nicht in meinem Kinderzimmer. Die Wahrscheinlichkeit für einen Flugzeugabsturz, der unser Haus zerstören könnte, sei aber gering. In dieser Nacht habe ich die Tür angelehnt. Das Licht im Flur angelassen.

In der kommenden Woche ging ich mit einer Freundin zum Blockflöten. Wir teilten uns die Verwunderung und die kindliche Angst vor den Ereignissen, die in einem uns nicht bekannten Amerika geschehen waren. Wir erkannten, dass auch diese Straße gefährlich sein könnte und nahmen den Zebrastreifen. Wir kamen sicher an. In der Gegenwart liegen noch einige Stationen vor uns.

„Weißt du, wir müssen weitermachen wie bisher“, erklärst du mir und suchst in Twitter nach den wichtigsten Meldungen.

Meine Nebensitzerin telefoniert mit ihrem Freund. Ihre Schwester hat Urlaub bekommen. Du hast diese Neuigkeit nicht erhalten und verfolgst mit einem weinenden Smiley einen weiteren Artikel zum Terroranschlag. Ein Abteil weiter wird ein Hasskommentar verfasst. Der Fahrer hält am Pragsattel.

Das Kind neben uns lächelt über den Hund an der Tür. Deine Daumen sehen es nicht. Du bist in München, in Paris und in einem grausamen Abbild der Zukunft gefangen. Letztendlich sitzt du neben mir in dieser U-Bahn. Du kommentierst ein Bild mit einem lächelnden Smiley, aber deine Mundwinkel bewegen sich nicht.
Deine Gefühlsäußerung verschwindet auf dem elektronischen Weg und ich sehe ihr nach.

Vielleicht müssen wir nicht weitermachen.

Wir müssen nicht sofort reden. Die Reihenfolge ist entscheiden. Im Gegensatz zu Mario Barth sollten wir schweigen, denken und dann sprechen, schreiben und teilen. Du solltest den weinenden Mann am Fenster sehen, nicht nur die Spiegelung seiner Gefühle in der Fensterscheibe. Du hättest das Gespräch neben dir verfolgen können und eingreifen. Du hättest ihnen die Angst vor den Flüchtlingen nehmen können.

In den Weltschmerz kann man sich heute einloggen. Auf den Bildschirmen wird die Welt, die unsere Daumen verfolgen, kommentiert. Ein globales Fußballspiel mit Milliarden Kommentatoren und die ängstlichen Menschen brüllen unter den Schlagzeilen in die Schnelligkeit der Zeit. Du musst Artikel lesen, auf der Compact-Seite deine Angst verbreiten und Gefühle in 3G-Geschwindigkeit teilen. Dann beendet dein Akku deine Reise.

Wir steigen aus und du hebst den Blick.

2 Gedanken zu “Der 11. September und die Angst vor Flugzeugen

    1. Schade, da hatte ich mich auf weitere Kessel-Texte gefreut! Danke dir für deinen Kommentar, die Informationen und die Möglichkeit dir auf „Zwischen zwei Flügelschlägen“ zu folgen 🙂

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