‚Ich mag keinen Eintopf‘, sage ich und breche dein Herz.

„Eintopf schmeckt besser, wenn man ihn nochmal aufwärmt“, erklärst du lächelnd und dein Blick erinnert mich an eine längst vergangene Zeit, eben in dieser Kälte, auf diesem Platz, aber eben doch in einer längst vergangenen Zeit. 

Ich blicke auf die Eisenbahn auf dem Schlossplatz, ziehe meine Handschuhe an und entscheide mich für einen Schluck vom Punsch. Der heiße Geschmack nach Zimt und Orangensaft führt zur einer rauen Zunge und erklärt die vorweihnachtliche Suche nach den weihnachtlichen Gefühlen mit einem Tetra-Punsch für beendet.

Du wärmst deine Finger an der 2 Euro Pfand-Tasse und beobachtest mich mit einem wohlwissenden Blick. „Zu schnell getrunken?“, fragen deine Mundwinkel, während ich der Gewohnheit mit einem Blick auf das blinkende Karussell ausweiche.

Das Karussell hält zur nächsten Rundfahrt und in einer verschwommenen Sekunde sehe ich uns auf diesen Plastiktierchen durch die blickenden Neonlichter fahren. Ich auf einem der äußeren Tieren. Du im inneren Kreis. Ich sehe unglücklich aus. Du nicht. 

„Geht’s dir gut?“, fragst du und meine Gewohnheit möchte mit einem lächelnden Nicken antworten. Ich verzichte auf das Lachen, verzichte auf den Blick nach oben, auf die geraden Schultern und ebenso auf eine Antwort.

Immer im Kreis. Immer nebeneinander. 

Du verzichtest in Erinnerung an unsere Distanz auf Nachfragen, zumindest auf die mündlichen. Ich schleppe dich mit halbleerer Tasse und rauer Zunge zum nächsten Stand.

Kurz blicke ich zurück auf unser Karussell. Die Fahrt ist beendet, aber in den Menschenmassen kann ich nicht erkennen, ob wir beide ausgestiegen sind. Wahrscheinlich habe ich das Karussell verlassen und du wartest im inneren Kreis. Ich wende den Blick ab und entkomme der Erkenntnis, dass ich zwei Plätze reserviert habe. 

Gewärmt von deiner guten Laune verschwinden wir im besinnlichen Trubel zwischen den duftenden und blinkenden Ständen des Weihnachtsmarkts und zeitweise auf der Suche nach einem Gespräch. Das käufliche Thema finden wir am nächsten Stand für wenig Geld  – Weihnachtsgeschenke. Als ich dir ansehe, dass nicht nur unsere ehemalige Beziehung von diesem Gespräch verletzt ist, beenden wir die mit fremdentauglichen Inhalten gefüllten Paraphrasen. Selbst die kläglichen Reste unserer Geschichte, die Tauben aufgepickt haben, scheinen mehr Tiefgang verdient zu haben. Das wissen wir beide, und gerade deshalb schweigen wir lieber.

Wir schweigen all die Fragezeichen, all die Antworten und tausende Probleme tot, weil es weniger schmerzt. Weniger als ein ‚das kann ich dir nicht erzählen‘, weniger als ein ‚du hast da einiges verpasst‘, weniger weh als die Gewohnheit, die große Probleme mit dem Abgewöhnen hat.

Am Stand neben der Kirche erinnerst du dich an unserem gemeinsamen Adventskalender, der seit Jahren verjährt ist und dessen Türchen nicht mehr geöffnet werden. Wir wandern durch die vorweihnachtliche Stimmung auf dem Marktplatz und entfernen uns von der Verabschiedung. 24 verschlossene Adventskalender-Türchen entfernt. 3 Dezember entfernt von einem gemeinsamen Heiligen Abend. Und heute einen Weihnachtsmarkt-Besuch entfernt von der letzten Karussellfahrt. Mir kommt der Gedanke, dass unser Adventskalender im Dezember weiterhin die Türchen öffnet und dieser idealistische Weihnachtsmarkt gerade zwei Tickets für unsere Karussellfahrt bezahlt. Und ich weiß, dass wir uns zu Weihnachten einen getrennten Weihnachtsmorgen, einen anderen Weihnachtsmarkt-Besuch, ein Ticket für eine Achterbahn und insbesondere 24 verschlossene Adventskalender-Türchen schenken sollten.

„Ich mag keinen Eintopf“, spaße ich, als du mich zum Abschied umarmst und irgendwas in deinem Blick sagt mir, dass meine Absage zum Eintopf mehr bedeutet.

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