Der Weltweihnachtszirkus, der keinen Applaus verdient.

 

Kinder mit rosigen Wangen knabbern am Popcorn und ein Clown betritt die Manege. Sie folgen jedem Augenzwinkern des rotnasigen Alleinunterhalters und ihr Lachen erfüllt das Zelt. Die Erwachsenen reagieren auf das Lachen ihrer Kinder mit einem Schmunzeln. 

Währenddessen läuft in der Stadt die Vorführung der friedlichen und traditionellen Weihnachtszeit. Zwischen Glühwein und Lichterketten kämpfen Menschen für die christliche Nächstenliebe und verwechseln das Klingeln der Kirchenglocken mit dem der Kassen. Hinter dem roten Vorhang der Manege klopft die Familie mit einem Neugeborenen bei Ämtern, den Grenzzäunen und dem Zugang zur Gesellschaft an. Dann erhaschen sie nur einen Blick auf die Weihnachtsdekoration an den Fenstern. Im Milano haben die Menschenmassen die Manege des Konsums betreten und transportieren ihre Beute in den beruhigenden Papiertüten zum Parkhaus.

Ich betrachte meine Sitznachbarin. Der Frau fließen die Tränen aus den Augen, ihr Gelächter geht im Kinderlachen unter und erscheint trotzdem unangebracht. Die Erwachsenen fixieren sie mit Blicken. Ich sitze unsicher auf meinem Stuhl und bin dankbar für den Applaus und das Verschwinden des Clowns.  Die Manege wird für den Höhepunkt der Veranstaltung umgebaut. 

Währenddessen hat der Online-Zirkus den Höhepunkt der Veranstaltung erreicht. Auch in diesem Jahr versorgen die redaktionellen Zehnfingersysteme die Leser mit Geschenkideen. Alle Jahre wieder versucht die Compact das deutsche Weihnachtsfest zu erfinden und bekommt vorweihnachtliche Geschenke von ihren Konsumenten, die teilen und glauben. In Vorfreude auf den jährlichen Kirchenbesuch kämpfen Menschen auf den Tastaturen gegen die Islamisierung des Abendlandes und gedenken einem Jesuskind, das deutsche Weihnachtslieder unter einer nordischen Tanne mit Amazonpaketen gefeiert hat.

Drei Lebewesen in der Manege winken den Zuschauern, die begeistert klatschen, zu. Dann laufen sie im Kreis und die Gäste beobachten die Fähigkeiten der angeleinten Lebewesen. Ihre Begeisterung basiert auf der Bewunderung für den Trainer, der diese Lebewesen abgerichtet hat. Diese Tiere gehören nicht in ein Zirkuszelt. Meine Sitznachbarin lacht nicht und applaudiert nicht. Die Erwachsenen, die sie zuvor mit ihren Blicken kritisiert haben, klatschen. 

Währenddessen bereitet sich die Stadt auf den Weihnachtsabend vor. Im Jahr beklatschen wir Vorführungen, die andere Lebewesen verletzten und urteilen über Menschen, die mit den Kindern lachen. Dann grüßen wir am 24. Dezember unsere Nachbarn und feiern einen Muttertag für die gesamte Menschheit. An einem Tag im Jahr danken wir der Mutter, an einem dem Vater und an einem der Liebe. Wenige Tage zuvor beauftragen wir Amazon und den Sklaven der Dienstleistung und nach wenigen Bestellvorgängen ärgern wir uns über die Postangestellten und die heutige Gesellschaft des Konsums.

 

Dieser Zirkus im Dezember, den wir veranstalten, hat keinen Applaus verdient. Vielleicht lacht meine Sitznachbarin über unseren Weltweihnachtszirkus und beklatscht die Erlebnisse im Jahr. Erlebnisse, die zeigen, dass nicht nur Menschen im Zirkuszelt große Ziele erreichen. Erlebnisse, die zeigen, dass wir uns hinter dem roten Vorhang verstehen können. Erlebnisse, die zeigen, dass Menschen sich vertrauen können und die Toleranz nicht beim Sitznachbarn endet.

Meine Sitznachbarin hätte einen Applaus verdient gehabt. 

 

 

 

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