Sexismus in Stuttgart: “Männer, die Frauen retten und Männer, die Frauen missbrauchen.”

Ich durchquere die Unterführung der Bahnstation in Zuffenhausen.

Vor einigen Wochen- es müsste ein Montag gewesen sein – erwachte ich und lebte in einem Land, das die Würde der Frau schützen und anerkennen wollte. Da schrieben die Redaktionen mit ihren männlichen Chefredakteuren über das Frauenbild der Flüchtlinge und meine männlichen Mitmenschen, die eigentlich über den Feminismus lachten, versprachen in den Kommentarzeilen, für ihre Frauen einzutreten. Meine Verwunderung darüber, dass ich diesen Menschen gehöre, sollte in den kommenden Wochen nicht verschwinden.

Ich betrachte die Werbeplakate. Nackte Frauen sollen die Männer zu einem Päckchen mit Dessous unter dem Weihnachtsbaum bewegen. Ich gehe weiter. 

Denn im aktuellen Diskurs wird nicht über das sexistische Bild in den Medien, auf den Werbeplakaten, den Zeitschriftencovern und in den Hollywoodfilmen berichtet. Nicht darüber, dass wir über Merkels Kleidung diskutieren, während Politiker im Politikteil der Zeitung untergebracht sind. Diese Realität in unserem Land gehört zur Normalität. Neu ist die Möglichkeit, die deutsche Frau vor den muslimischen Männern zu schützen. Die Männer werfen sich in den Kommentarspalten die Kastrationswaffen zu und möchten ihre Frauen und ihre Töchter schützen. Bei all der Ritterlichkeit stören die Untersuchungen des BKAs, die zeigten, dass Flüchtlinge nicht straffälliger werden als der Durchschnittsbürger, und der Anteil an Sexualdelikten unter einem Prozent liegt. Ein Absolvent des deutschen Bildungssystems muss bei Zahlen und Fakten zitternd die Realität verlassen. Die Taschenrechner sind seit dem Abitur im Schreibtisch verschwunden und die Auseinandersetzung mit Batterien würde die ehemaligen Schüler an die Naturwissenschaften erinnern.

Angetrunkene Männer vor der Bahnhofskneipe pfeifen. Ich möchte mich wehren. Ihre Blicke spüre ich. Ihre Hände möchte ich nicht spüren. Meine Verachtung spüren sie nicht. 

Zurück zu den Flüchtlingen, die mich und meine Freundinnen verängstigen. Laut meinen Mitmenschen müsste dies geschehen. Frauen, die Freundinnen haben. Frauen, die Angst haben. Flüchtlinge, die Frauen verängstigen. Die Stereotypen-Schubladen geöffnet, sortiert und bestätigt. Der muslimische Mann belästigt die deutschen Frauen. Der deutsche Mann versucht seine Töchter – niemals wird von den Söhnen gesprochen – und seine Frauen – zumeist in der Plural-Form – zu schützen. Dieses Schubladen-System bewahrt unsere Gesellschaft vor einem komplexeren Diskurs und das Frauenbild des Westens versteckt sich hinter dem verteufelten Frauenbild des Islams. In den Zeiten der prüden christlichen Sexualmoral wurde der Orient zur Projektionsfläche – die heutigen Hollywoodfilme und Werbeplakate- der westlichen Fantasien. Die Haremserotik im Islam zur heimlichen Sehnsucht des Mannes, der die Bibel im Nachtschränkchen verstecken konnte. Die Revolution in den 60er Jahren entwarf das Bild der selbstbestimmten Frau und stand im Kontrast zu dem idealisierten Abbild des Orients. Die Schubladen – auch die im Schlafzimmer – verlangten eine neue Beschriftung und die Geschichte vom europäischen Helden und dem unzivilisierten Muslim fand Beachtung. Unterstützung findet diese Kategorisierung in den autoritären islamischen Staaten, die Menschenrechte für einen Aprilscherz halten.

Mein Freund erklärt mir, dass mir die Männer ein Kompliment gemacht haben. „Angetrunkene Männer können nicht anders“, erklärt eine Freundin. Eine Verwandte erklärt, dass ich keinen kurzen Rock tragen und nicht allein unterwegs sein sollte. Und wenn ein Mann auf lange Röcke steht? 

Die Problematik liegt darin, dass Sexismus und Gewalt gegen Frauen ein weltweites Phänomen ist und nicht auf die islamische Religionszugehörigkeit projiziert werden kann. Wir befinden uns in keinem Hollywood -Film, der die Welteinteilung in gut und böse ermöglicht. Und ich möchten den im Publikum sitzenden Männern aus den Kommentarspalten das Popcorn aus der Hand schlagen. Auf der Leinwand zeige ich danach die EU-Studie, die zeigt, dass jede dritte Frau in Deutschland bereits sexuelle und körperlich Gewalt erlebt hat. Aktuell wird auf der Leinwand die Diskriminierung der Frauen im Zusammenhang mit dem Islam gezeigt. Und Frauen sitzen im Publikum. Frauen, die mir erklären, dass Männer mit einem Blick auf meinen Hintern und einem Pfeifen nur ein Kompliment machen. Diese Frauen leben in der Illusion von Youtube-Prinzessinen und wechseln vor einer Baustelle die Straßenseite. Während muslimische Feministinnen weltweit gegen eine frauenfeindliche Interpretation des Islams kämpfen, erklärt eine Politikerin in Deutschland, dass Frauen deutsche Kinder bekommen sollten und in die Küche gehören. Während drei muslimische Frauen den Friedensnobelpreis erhalten – ja, und dabei ein Kopftuch tragen – erklärt Bibis Beautyfeminismus, wie ein Mädchen einem Jungen gefallen kann. Während meine muslimischen Schüler mit mir über Gleichberechtigung sprechen, tippt ein Bekannter seinen Hass über diesen Genderwahnsinn in die Tastaturen. Während Muslime die Deutungshoheit über ihre Religion nicht von Ideologien bestimmen lassen möchten, erklärt mir eine Christin, dass Homosexuelle in die Hölle kommen.

Ich erzähle vom Unterricht und ein Bekannter ist an dem Verhalten meiner muslimischen Schüler interessiert. Ob ich mich – als Frau – durchsetzen kann? Später berührt er ein Mädchen in der Disko am Hintern. 

Die Geschichte vom triebgesteuerten muslimischen Mann im Kontrast zum westlichen zivilisierten Mann erklärt einen zum Helden. Der westliche Mann wird in einer sexualisierten, frauenfeindlichen und rassistischen Kultur zum Helden der Zivilisation. Die Männer, die vor wenigen Monaten von einer Hotpants im Unterricht abgelenkt werden konnten, möchten Muslime in einen Verhaltenskurs einladen. Männer, die zu den 52,7 Prozent der Deutschen gehören, die denken, dass Frauen in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgehen sollten. Frauen, die zu den 52, 7 Prozent gehören, die sich Kinder, Kirche und Küche wünschen.

Ein Freund fährt mit seiner Freundin frühzeitig nach Hause. „Wer hat bei euch die Hosen an? Bist du eine Memme?“, fragen die zivilisierten westlichen Studierenden. 

Die Rettung der deutschen Frauen vor dem muslimischen Mann ist zu einem Merkmal der Parteien geworden, die zuvor antifeministische Inhalte bevorzugten. Aber das Idealbild des westlichen Mannes, der hilflosen Frau und der zu beschützenden Töchter vermarktet sich besser als die Einhornschokolade. Und diese glitzernde Schokolade lenkt fabelhaft vom eigenen Sexismus und Rassismus ab.

Ich durchquere die Bahnunterführung in Zuffenhausen. Und nein, ich habe keine Angst. Nicht im Klassenzimmer, nicht auf dem Heimweg und nicht in der Stadt. Ich bin nicht eure Frau und ihr solltet dringend eure Kommode sortieren. 

Friedrich – Ebert – Stiftung: https://www.fes.de/gender/
Gewalt gegen Frauen: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/…

 

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