“Wir schaffen das” und die Gegenfrage.

„Das möchte ich in diesem Jahr von meiner Liste streichen“, dachte ich im vergangenen Jahr in einem Monat wie diesem. Eine Liste gebastelt aus einem Das und verschiedenen Nomen, die meine Ziele zumindest in einem Worddokument offenbarten. Ein Worddokument, das am Silvesterabend gespeichert wurde und an einem Tag im Januar im Papierkorb verschwand. An diesem Tag stolperte ich über mein ‚Das’.
Während ich in unserem Doppelbett lag, wusste ich, dass zwanzig Menschen in einem Klassenzimmer keinen Schlaf finden. Während ich das Haus verlasse, tragen sie sich in ihre Listen ein. Während sie von einer Studentin unterrichtet werden, sitzt in der ersten Reihe eine studierte Französischlehrerin. In manchen Momente denke ich, dass sie diese Erniedrigung nicht erträgt, dass sie mir einen Vortrag über Pädagogik hält und den Raum verlässt. Dennoch dankt sie mir. Sie ist auf mich angewiesen. Vielleicht findet sie den Unterricht gut. Vielleicht sind meine Erklärungen zu den trennbaren Verben verständlich. Wahrscheinlich ist sie froh, dass sie der Unterricht für wenige Stunden von ihrem alltäglichen Gefängnis trennt. Es ist ein Gefängnis, in dem Stillstand herrscht, eine weitere Nummer ihre Privatsphäre verliert, Monate gezählt und Daten gesammelt werden. Ein Gefängnis im Plural ‚Sie‘, das sie nicht nur sprachlich beherrschen, sondern alltäglich erlernen.
Es ist der begabteste Schüler, den ich kenne. In der ersten Stunde legt er mir Übungen mit Modalverben und Nebensätzen vor. In der zweiten Stunde schweigt er. Er hat seine Familie nicht erreicht. In der dritten Stunden meldet er sich wieder.
Sie hat studiert und bittet mich in einem Einzelgespräch um Hilfe. Ihre Unterlagen, ihr Studium, ihr Erkämpftes und Erarbeitetes wird hier nicht anerkannt werden. „Das Warten tut weh“, erklärt sie und ich versuche zwischen Istanbul, Wien und München ihre Unterlagen zu verfolgen. Daheim sehe ich meinen Ordner und bin erleichtert, weil meine Dokumente anerkannt sind. Anerkannt ist ein bedeutendes Wort. Mit einer Anerkennung wird ein bisheriges Leben real und das weitere erreichbar.
Er in der zweiten Reihe vermisst seinen vierjährigen Sohn. „Das Meer ist gefährlich“, erklärt er mir. Sein Glück wohnt bei der kranken Mutter. Diese Geschichten werden kommentiert, diskutiert und bewertet. Der Moment, in dem er mir ein Foto des Jungen gezeigt hat, gehört in meine subjektive Realität.
Die Flüchtlinge sind nicht mehr greifbar. Die Welt und die Menschen wurden dadurch komplizierter. Der Flüchtling existiert nicht. Es gibt sie nicht. Es gibt ihn und sie und das Kind, das heute mit mir sprach. Stereotypen lösen diese Gefühle nicht aus. Menschen schon.
Subjektivität zerstört das Sie im Plural. Ein kollektives Wir bewertet ein kollektives Sie. Wir haben Probleme mit den Flüchtlingen. Wir mit ihnen. Wir haben Angst. Wir schaffen das anscheinend. Ich weiß nicht, ob wir das schaffen. Ich kann überlegen, ob ich das schaffe. Und letztendlich kann ich es nur versuchen. Ich werde nicht verhungern, nicht meine Heimat und meine Familie verlieren. Meine Heimat bleibt meine Heimat, auch wenn sie für andere Menschen zur Heimat wird. Heimat ist ein dehnbarer Begriff. Heimat hat keine Obergrenze.
Ich schaffe das. Manchmal habe ich Angst, dass er und sie – ein Teil des Kollektivs der Flüchtlinge – das nicht schafft. Wir schaffen ein ‚Das‘, das wir als Flüchtlingskrise bezeichnen. Dieses ‚Das‘ bezeichnet für andere einer Lebenskrise. Auch Krise ist ein dehnbarer Begriff. „Wir schaffen das“, habe ich heute zu ihm gesagt. Wir beide. Zwei Menschen aus diesem Wir und diesem Sie. Wir können das schaffen.
„Das möchte ich in diesem Jahr von meiner Liste streichen“, dachte ich im vergangenen Jahr in einem Monat wie diesem. Eine Liste gebastelt aus einem Das und verschiedenen Nomen, die meine Ziele zumindest in einem Worddokument offenbarten. Ein Worddokument, das am Silvesterabend gespeichert wurde und an einem Tag im Januar im Papierkorb verschwand. An diesem Tag stolperte ich über mein ‚Das‘.

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