Mein Kreislauf nach den Meldungen aus Berlin: „Ich sollte meinen Freunden eine Nachricht schreiben.“

Als mein Daumen über das Display wandert und das Geschehen verfolgt, herrscht im Hauptbahnhof der Alltag. Während meiner Wartezeit vermisse ich die Weltmeisterschaft. Damals wurde auf das Ergebnis eines Spiels gewartet und dann kommentiert. Ich lese die Kommentare, die das Futter der redaktionellen Zehnfingersysteme interpretieren und instrumentalisieren. Ich vergesse mit einem Daumenklick, dass diese Kommentare von meinen Mitmenschen geschrieben wurden.

In wenigen Sekunden fährt mein 2016 – System hoch. Meine Logik rebelliert gegen diesen Instinkt, den ich in den Sozialen Netzwerken trainiert habe.
„Ich sollte meinen Freunden eine Nachricht schreiben.“

„Es ist unwahrscheinlich, dass sie betroffen sind.“

„Was wenn doch?“

„Ein Autounfall wäre laut Statistik wahrscheinlicher. Eigentlich müsste ich an jedem Tag eine Nachricht schreiben.”

Und dann tippe ich eine Nachricht und bekomme eine Rückmeldung. Alles ist gut.
Eine Freundin war auf dem Weihnachtsmarkt. Ich sehe das Bild und die Notiz: „Glück im Unglück“.

Mein 2016-System ist schockiert. „Es hätte sie treffen können.“

Meine Logik versucht die Informationen zu sortieren. „Das ‚was wäre wenn‘ – Spiel ergibt keinen Sinn.“

Dann fährt meine U-Bahn ein und schenkt meinem Daumen eine Pause. Da ist ein Gedanke an die Opfer, die Verletzten und die Menschen, die dieses Geschehen ansehen mussten. Ein Klick auf einen weiteren Bericht. Da ist ein Gefühl von Mitleid und Hilflosigkeit. Ein Like unter einem Post. Da ist ein Mitmensch in der Bahn. Ein Live-Video.

Ein Daumen beobachtet die Berichterstattung und bewertet die Reaktionen. Der andere Daumen verfolgt die Kommentare unter den rasenden Blogeinträgen. Und meine Fahrt wird von einem Wunsch beherrscht: „Lass dies kein Terroranschlag gewesen sein.“

Mein 2016-System denkt an die AfD-Hochrechnungen, die kommenden Wahlen, die Hasskommentare und die Hetze in den Netzwerken. Mein Gedanke an die Opfer verliert sich in Gedanken an die Auswirkungen eines Terroranschlags. Deshalb bin ich wütend, dann erschrocken und traurig.
Ich bin wütend, weil Menschen dieses Ereignis instrumentalisieren. Ich bin entsetzt, weil mein erster Gedanke diesen Menschen, die instrumentalisieren und spekulieren, galt. Und dann bin ich kurz traurig, weil Mitmenschen leiden und mit ihrem Leben bezahlt haben. Ein Leben, dessen Ende in den Netzwerken missbraucht wird. Ein Leben, das andere Menschen genommen haben. Ein Leben, das in einer Boulevardzeitung verkauft wird. Ein Leben, das dieses Ende und die Reaktionen nicht verdient hat.

Als sich der Akku meines Smartphones verabschiedet, bin ich müde. Es ist diese Müdigkeit, die nach einem Blick auf die Hasskommentare, die rassistischen Thesen und geteilten Artikeln, die aus Fehlinformationen gebastelt wurden, entsteht.
Ein Kreislauf. Menschen verüben Anschläge. Menschen nutzen diese Anschläge für die Verbreitung von Angst, Vorurteilen und Hass. Menschen, die aus Hass in die Tastaturen tippen, beherrschen somit meine Handlungen.
Ich bleibe kurz in meiner geschützten Filterblase. Dann betrete ich die Sozialen Netzwerke und entdecke einen neuen Kommentar unter meinem Text: Geh wieder in Denn Wald Bäume umarmen! Dummes Weib, konkurriert nun mit: Wart’s ab. Silvester ist nah.. Der Hass dieser Menschen darf meine Gedanken nicht beherrschen und verdient keinen Text.

Ich lösche diesen Text nicht, sondern ergänze ihn durch den verlorenen Gedanken, der im Wunsch verschwand:

„Es tut mir Leid. Ich hoffe, dass die Familien und Angehörigen Hilfe bekommen. Es tut mir Leid, dass unschuldige Menschen ihr Leben verlieren. Es tut mir Leid, dass Menschen aus Hass handeln. Es tut mir Leid.“

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