Ein Friseurbesuch in Stuttgart.

Ich denke, dass im eigentlichen Geschäftsmodell der Salons ein Psychologe im Wartezimmer inbegriffen sein sollte. Die Dauerwelle meiner Nebensitzerin stellt sich den andauernden Gesprächen über ihren Mann und verliert den Konkurrenzkampf, denn gegen eine gescheiterte Ehe kommt auch kein Haarspray an. Ich versuche einen beschäftigten Eindruck zu machen, damit die Privatsphäre meiner Nebensitzerin, der vergangenen Ehe und diesem Schwein – ich nehme an, dass dies den Mann bezeichnet – gerecht wird. Während die Luft vom Haarspray brennt und die Scheidungspapiere der Ehe thematisiert werden, versuche ich einen unbeteiligten Blick aufzusetzen. Im Nebel der Chemie sehe ich im Spiegel meinen verzweifelten Gesichtsausdruck.
Beim Friseur kommt es zu einer stundenlangen Gegenüberstellung mit der eigenen Person.
Wer vor dem Besuch mit seiner Haarpracht zufrieden war, wird spätestens nach der Platzierung vor dem Spiegel belehrt. Niemand würde sich im Alltag stundenlang in einem Spiegel betrachten und wer im Augenkontakt mit fremden Personen keinen Gefallen findet, wird in der Konfrontation mit den eigenen keine Heilung finden. Kurz versuche ich meinen nicht vorhandenen Blickkontakt mit einem Blick in den Spiegel zu kontrollieren. Das Haarspray muss mehr als die Haare meiner Nebensitzerin vernebelt haben. Letztendlich konzentriere ich mich auf den Kaffee und entkomme durch die Haarwäsche, die zu weiteren Fragen führt, dem eindringlichen Blick meiner Person.
Hier in der Welt zwischen Scheren und totem Gewebe dürfen Unbekannte unsere Haare waschen, schneiden und färben. Auf dem Hinweg mit der Bahn wurde der Sicherheitsabstand zu den Mitmenschen eingehalten. Aktuell massieren fremde Hände meine Kopfhaut und ich merke, dass meine Haarstylistin – aktuell fiel mir auf, dass Friseur nicht der aktuelle Begriff ist – meinen Namen nicht kennt. Vielleicht hätte ich einen Termin vereinbaren sollen, dann würde mein Vorname zumindest im Kalender stehen. Kurz entspringt die Szene, in welcher die Friseurin am Abend vor ihrem Kalender sitzt und meinen Namen durchstreicht, da der Dialog nicht inspirierend war. Keine familiären Dramen, keine Gespräche über die Nägel und eine zu gesunde Kopfhaut – sprich keine weiteren Produkte, die verkauft werden können. Vielleicht umrahmt sie meinen Namen mit einem Herzen, da ich mich als Kundin und nicht als beste Freundin ausgab.
Ob Haarstylisten eine Fortbildung zur Therapeuten angeboten bekommen?
Ich sah in den idealisierten Abbildern eines Friseurbesuchs, dass die Kunden mit geschlossenen Augen das Schamponieren genießen und schließe meine. Ich bin ein Spielball der Kosmetikwerbung. In der Dunkelheit warte ich auf die “Ist es so angenehm?“ – Frage und reiße die Augen förmlich auf, als meine Gedanken diese Formulierung mit anderen Situationen verknüpfen. Mein Unterbewusstsein scheint das aktuelle Gespräch meiner Dauerwellen-Nachbarin nicht verdrängt zu haben.
Nach einer halben Stunde liegen tote Zellen auf den Fliesen. Die Dauerwelle bespricht detailliert ihren bisherigen Lebenslauf und äußert dann ihren Wunsch: “Ich brauche eine Veränderung. Ihre Haartherapeutin fragt, ob ihrem Mann die Locken gefielen. Meine Nebensitzerin bejaht. „Und mögen sie die Dauerwelle?“. „Ich weiß nicht.“ Die kommenden Minuten sucht die Kundin in Katalogen nach ihrem neuen Spiegelbild, dann hält sie eine Abbildung einer Kurzhaarfrisur vor meinen Spiegel und möchte meine Meinung zu ihrem potenziellen Erscheinungsbild hören. „Schön, aber es muss Ihnen gefallen“, antworte ich. Sie nickt, wechselt die Blicke zwischen Spiegel und Katalog und erklärt:“ Ich weiß, was er sagen würde, aber nicht was ich möchte“.
Später verlassen wir beide den Salon. Und während ich eine Mütze anziehe, verabschiedet sich die Frau der Veränderungen – deren Namen ich bis heute nicht kenne – von mir.

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