Warum Stuttgarts Türken nicht „Ja“ gesagt haben.

“Unterstützung für Erdogans Kurs: Stuttgarts Türken sagen Ja”, titelte die Stuttgarter Zeitung. Im Artikel kommen Wähler aus Stuttgart zu Wort. Worte findet die Redaktion viele. Zahlen finden sich – außer die Altersangaben der Zitatgeber – wenige. Statistiken oder Einordnungen scheinen auf der Facebook-Seite nicht angesagt zu sein.

Und so schließt C. Hilgarth in der Kommentarspalte folgenden Schluss: “Tja, jetzt haben wir es schwarz auf weiß. So denken in Wahrheit die Türken in Stuttgart und Umgebung. (…) Zudem sich in Deutschland nicht integrieren wollen. Danke, ich weiß ab heute Bescheid.”

In der überfüllten Kommentarspalte vermischen sich bestätigte Vorurteile und K. Dieters Antwort -“Nein, so denken die, die so gewählt haben” – ertrinkt im tosenden Lärm der Empörung.

Was mich daran stört?

Das Thema der Wahl vermarktet sich in den Social-Media-Kanälen und so produzieren die Redaktionen mit ihren Zehnfingersystemen ständiges Futter für den begierigen Smartphone-Nutzer. Der Inhalt und die Zitate der Befragten lassen sich hierbei doppelt verwerten. Nur Teaser und Titel unterscheiden den Artikel der Stuttgarter Nachrichten vom Beitrag der Stuttgarter Zeitung, doch Inhalt, Redakteur, Interview-Wiedergabe und Befragte wurden kopiert und erneut verwertet.

Der besagte Bericht befasst sich mit den Meinungen befragter Wähler aus Stuttgart, ordnen diese aber nicht in den Gesamtkontext ein. Irreführend ist hierbei der eingebundene Titel auf der Facebook-Seite der Stuttgarter Zeitung “Unterstützung für Erdogans Kurs: Stuttgarts Türken sagen Ja, denn “Stuttgarts Türken” haben nicht Ja gesagt.

Warum “Stuttgarts Türken” nicht Ja gesagt haben.

In Stuttgart haben 54,11 Prozent der rund 144 000 registrierten Wahlberechtigten ihr Wahlrecht genutzt. 45,89 Prozent haben nicht gewählt. Also hat fast die Hälfte der Stuttgarter Türken nicht für Ja gestimmt. Dazu kommt, dass von den 54,11 Prozent der Wahlberechtigten in Stuttgart 66,26 Prozent für Ja und 33,74 Prozent für “Nein” abgestimmt haben.

Ein Beispiel mit gerundeten Zahlen:

144000 Wahlberechtigte in Stuttgart

Davon haben 54 Prozent / 77750 Personen gewählt:

Ja-Wähler: 66 Prozent / 51322 Personen

Nein-Wähler: 34 Prozent / 26438 Personen

Davon haben 46 % / 66240 Personen nicht gewählt.

Somit haben 35, 64 Prozent der 144000 Wahlberechtigten in Stuttgart für Ja gestimmt.

Entspricht die festgestellte Meinung von etwa 35,64 Prozent der Meinung aller Stuttgarter Türken? Dazu kommt, dass nicht alle türkischstämmigen Personen wahlberechtigt sind. Reichen heutzutage 35,64 Prozent der Wahlberechtigten oder 66,26 Prozent der Wähler für den Titel: Unterstützung für Erdogans Kurs: Stuttgarts Türken sagen Ja”. Nein.

Dieser Titel genügt, um den Online-Auftritt zu finanzieren und einen Artikel auszuschöpfen, den Leser/innen wie beispielsweise C. Hilgarth klicken, kommentieren und teilen. Und die Zusammenlegung der Stuttgarter Zeitung mit den Stuttgarter Nachrichten profitiert von recycelbaren Inhalten und Klicks, da werden aus 35,64 Prozent gerne 100 Prozent.

Der eingebundene Artikel:

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Artikel der Stuttgarter Nachrichten: www.stuttgarter-nachrichten.de/inha…
Artikel der Stuttgarter Zeitung:http://www.stuttgarter-zeitung.de/i… (hier mit anderem Titel: siehe Facebook-Auftritt, 17.April um 19:20)

Weitere Quellen:

http://www.swr.de/swraktuell/bw/tuerkei-referendum-in-baden-wuerttemberg-gemischte-reaktionen-im-land/-/id=1622/did=19386712/nid=1622/11lxtxt/index.html

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Ein-Viertel-der-wahlberechtigten-Tuerken-in-Stuttgart-hat-schon-abgestimmt–326735.html

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