Der Fisch, der aus dem Fenster fiel.

Was er wohl gedacht haben mag? Vergisst ein Fisch im Flug, dass er aus dem Fenster fiel? Fiel seine Welt in sich zusammen, oder nur er selbst? Und sollte ich einen Text über diesen Fisch schreiben oder ist das Internet voller als ein Aquarium in der Tierhandlung ? In diesen Zeilen möchte ich erklären, wie es zum Fall des Fisches kam und warum dieser Text veröffentlicht wurde. 

Ich beginne mit den Worten, die jeder Grundschüler für seinen Aufsatz wählt. Es war somit ein sonniger Sonntag als mich die Bitte, dass wir unsere Katzen wegen eines Fisches im Garten im Haus behalten sollten, erreichte. Der Zusammenhang zwischen einem Fisch im Garten und der Erklärung meiner Nachbarin lies mich im Trüben schwimmen und so fragte ich nach folgender Geschichte. Am besagten Sonntag hatte sie ihr Aquarium gesäubert und den Fisch im Netz vergessen. In diesem Moment, in welchem sie das Netz am Fenster ausschüttelte, erkannte sie ihren Fehler. Der Fisch war aus dem stillen Gewässer des Aquariums entkommen und fiel tief. Wäre er nur rechtzeitig untergetaucht. Denn der vergessene Fisch stürzte plötzlich – auch ein aus dem Grundschulaufsatz entnommenes Wort – drei Stockwerke in die Tiefe. Ich stelle mir dieses Ereignis in einer Slow-Motion Aufnahme vor und höre die melancholische Musik. Dann der Aufprall – Standbild, die Musik endet-  Stille. In dieser Stille höre ich diesen stereotypischen Nebensitzer, der in die Popcorntüte greift, als suche er nach seinem Schlüssel in einer überfüllten Tasche. Auf der Leinwand wird der tote Fisch gezeigt und dann erscheint der Abspann.

Wahrscheinlich kann man sein ganzes Leben gegen den Strom schwimmen, dann kurz die Sicherheit des Netzes genießen und schließlich in diesem vergessen werden, fallen, aufprallen und sterben. Sterben kann ein Fisch, ein Mensch – auch wenn Menschen und Fische selten daran denken -.  Die Wahrscheinlichkeit, als Fisch durch einen Fall aus dem dritten Stockwerk zu sterben, scheint erstaunlich gering. Während der Zeit im Aquarium erkannte der Fisch – davon gehe ich auch im postfaktischen Zeitalter aus – nicht die Gefahr eines Fensters, eines Falles und der Reinigung des Aquarium. Doch die Welt gleicht einem Haifischbecken. Gerade ritt er noch auf der Welle des Lebens, ging den Dingen auf den Grund, schwamm sich frei und bevor er den letzten – für den hier beschriebenen Fisch den ersten und letzten – Atemzug machte, ging er im Trubel des Lebens unter, ertrank er im Sog der Gezeiten.

Doch genug vom Fall des Fisches, der Wahrscheinlichkeit und der Vergänglichkeit unseres Daseins. Letztendlich lag dort ein Fisch im Garten in der frischen Stuttgarter Stadtluft. Gestorben am Feinstaub oder nicht, ich sollte diesen vor unseren Katern schützen. Seien wir ehrlich: ich sollte vielmehr meine Kater vom Verzehr des Fisches schützen. Ein Goldfisch gehört nicht auf die natürliche Speisekarte eines Haustieres, welches seit Generationen auf Dosenfutter vertraut. Und meine Nachbarin konnte ihren verstorbenen Fisch nicht gleich finden. ‚Findet Nemo‘ in einer dramatischen Neuauflage. Letztendlich entdeckten wir den Gefallenen und konnten unsere Katzen in den Garten entlassen. Ich suchte nach einer neuen Ausrede, um dem Schreibtisch und damit meiner Bachelorarbeit zu entkommen. Da dachte ich an den Fisch, der aus dem Fenster fiel, und begann zu schreiben.

4 Gedanken zu “Der Fisch, der aus dem Fenster fiel.

  1. Wie so oft ist die Prokrastination äußerst produktiv. Aber der Fisch tut mir auch leid, wie er ungewollt in einem ihm völllig fremden Universum zu Tode kam. Nur der Mensch ist so vermessen, sich freiwillig in lebensfeindliche Umwelten zu begeben, sei es in die Tiefsee oder hoch oben in die Luft.

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