Warum man im Wartezimmer nicht flirten sollte.

Stuttgart: Nach einem Blick in die ausgelegten Boulevardzeitungen überlege ich, ob ich vielleicht doch eine Magen-Darm-Grippe habe. Letztendlich führt aber der sexistische Inhalt zur Übelkeit. Zudem befinde ich mich in der Hals-Nasen-Ohren-Praxis, auch wenn ich beim Anblick dieser Zeitschriften sehnsüchtig an die Augenentzündung der vergangenen Woche denke. Die Person, die mir gegenüber sitzt und ein Kinderbuch in den Händen hält, scheint meine Abneigung gegen diese Zeitschriften zu teilen. Diese Beobachtung führt zu einem Gefühl der Verbundenheit im Kampf gegen den alltäglichen „Hat sie ein süßes Geheimnis?“-Journalismus. Dann beginnt meine Wartezimmer-Genossin das Buch vorzulesen und – nach einer Sekunde der Verwunderung, die ich auf meine Mittelohrentzündung zurückführen möchte – bemerke ich ihre Tochter.

„Warum sind sie hier?“, fragt mich plötzlich – dieses Wort verdeutlichte schon in Grundschulaufsätzen ein unerwartetes Ereignis –  ein Mann, der auch auf den zweiten Blick nicht der Arzt zu sein scheint. Ich erzähle von meiner Mittelohrentzündung und bin froh, dass ich nicht beim Allgemeinarzt mit einer Magen-Darm-Grippe sitze. Gleichzeitig frage ich mich, ob er diese Frage dort gestellt hätte. Wenn ja, würde man sich dann über den unruhigen Magen und die Stunden in diesem anderen Zimmer, das mich oftmals mit Boulevardzeitschriften konfrontiert, unterhalten? Naja, mit einer Magen-Darm Grippe würde man sich wahrscheinlich weniger im Wartezimmer und mehr auf der Praxistoilette aufhalten. Mit diesen Gedanken fühle ich mich abgesichert, weshalb ich die Frage erwidere.

Er hat auch eine Mittelohrentzündung, wobei diese Gemeinsamkeit nicht zu einem angenehmeren Verlauf des Gesprächs führt. Meine Wartezimmer-Bekanntschaft ist nun weniger an meiner Krankenakte und mehr an meiner Person interessiert. Ich selbst würde nach fünf Minuten gerne wieder über meine Ohren sprechen und weniger über meine Augen, den Wohnort und meinen Beziehungsstatus. Während ich einem solchen Gespräch im alltäglichen Leben entfliehen kann, scheint mich in dieser Situation nur der Arzt retten zu können. Nicht ganz unerheblich für diese Schilderung wäre die Mutter mit ihrem Kind, die das Vorlesen unterbrochen hat und nun unserer Unterhaltung folgt. Zu meiner Freude schützt wenigstens das Kind meine Privatsphäre und beginnt Bilder aus den Boulevardzeitungen zu reißen. Irgendwann habe ich die Möglichkeit, keine Gegenfrage zu stellen und dadurch dem Gespräch zu entkommen. Und dann beginnt mein Aufenthalt im schlimmsten Wartezimmer meiner Praxislaufbahn, der auch nicht mit dem zweistündigen Aufenthalt mit einer Schweinegrippe-Patientin beim Allgemeinarzt konkurrieren kann. Ich warte nicht mehr auf meinen Aufruf, sondern auf eine Stimme, die den einzigen männlichen Namen in ein Behandlungszimmer kommandiert. Zusätzlich dramatisiert sich die Situation durch den Abschied meines Smartphone-Akkus, wodurch die Boulevarzdeitschrift zur einzigen Rettung wird. Und so versuche ich den Eindruck zu erwecken, dass ich an vermeintlichen Babybäuchen und den sexistischen Meinungen der Style-Experten interessiert bin. Während ich einen Artikel zum Thema „Wie bekomme ich die richtige Strandfigur?“ anstarre, erklingt eine Stimme über die Lautsprecheranlage. Wer kam auf die Idee, dass ausgerechnet in einer Ohrenarzt-Praxis eine Lautsprecheranlage mit schlechtem Sound ausreichen würde? Diese Person hat sich geirrt. Mein ehemaliger Gesprächspartner, die Vorleserin und das Kind, das gerade einer Schlager-Sängerin den Kopf abreißt, haben den Namen nicht verstanden. Auch mein schon thematisiertes Ohr kann die erlösenden Worte nicht verstehen und somit ist es der Retter im weißen Mantel, der den Flirtversuch beendet und seinen männlichen Patinierten im Wartezimmer abholt.  Wenige Minuten später nehme ich Behandlungszimmer Platz.

Warum sind Sie hier?“, fragt mich der Arzt und ich erschrecke kurz. Dann erzähle ich ihm von meiner Mittelohrentzündung – nur von meiner Mittelohrentzündung.

2 Gedanken zu “Warum man im Wartezimmer nicht flirten sollte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s