Erfahrungsbericht über meinen Ramadan: „Du darfst auch nicht trinken?“ 

Ich verbringe anscheinend 50 Prozent des Tages in der Küche. Und so weht mir die Kälte des Kühlschranks erneut entgegen. Mein Blick fällt auf die Wasserflasche, dann auf die tickende Uhr. Allgemein scheine ich die Küche in meinem Alltag stündlich aufzusuchen, um all die Dinge zu machen, die heute nicht erlaubt sind. Letztendlich putze ich meinen Aufenthaltsort und entdecke eine Milch mit dem heutigen Verfallsdatum. Es wäre schade, wenn diese Packung verkommen würde. Nach einigen Sekunden habe ich diese Ausrede entlarvt und mir bewusst gemacht, dass die arme Milch weitere 10 Stunden überleben wird. Trotzdem: Mein Überleben erscheint mir ungewiss. Während ich die Küche verlasse, beobachte ich meinen Kater, der heute ausgesprochen genüsslich aus dem Napf trinkt. Ich empfinde Neid, Hector scheint dies nicht zu bemerken. Um meine Mitmenschen zu schützen, versuche ich ohne Kaffee wach zu werden. Somit stehe ich in der Dusche, als ich den Drang verspüre, meinen Mund zu öffnen. Laut eines Ramadan-Informanten darf ich dies tun, ‚nur‘ dürfte ich nicht schlucken. Selbstbeherrschung? Das ist heute mehr als ein unleserliches Fremdwort. Auch das Zähneputzen wird zu einer dramatischen Angelegenheit.

Dann gehe ich einkaufen. Um diesem unbekannten Interesse an der Getränkeabteilung zu entgehen, kaufe ich Katzenfutter und finde mich schneller als üblich an der Kasse ein. Auf dem Heimweg komme ich am städtischen Brunnen vorbei, an welchem sich Kinder  abkühlen. Würde ich dieses Wasser trinken, dann wäre die Fastenzeit schnell beendet. Und doch verstärkt dieses trübe Gewässer mein Durstgefühl. Wenige Stunden später würde ich mich freiwillig im Brunnen tunken lassen.

Während die Sonne im Zenit steht, keimt in mir der Gedanke auf, dass dieser Tag ein zu großes Opfer für eine Erfahrung und einen Text ist. In meinen guten Minuten ist mir bewusst, dass Journalisten für ihre Texte mehr geopfert haben. In den weiteren Stunden kommt mir der Gedanke, dass diese im Gefängnis wenigstens Wasser bekommen. Wahrscheinlich… Waterboarding während des Ramadans?  Auch eine Frage, die meinen – wörtlich – trockenen Humor widerspiegelt. Natürlich könnte ich mir verinnerlichen, dass andere Personen mehrere Wochen fasten. Aber meine postfaktischen Gedanken gehen dieser Selbsterniedrigung lieber aus dem Weg. Die Fastenzeit, die zu den fünf Säulen des Islams gehört, soll um Allahs Willen geschehen. In dieser Zeit wird von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts gegessen und getrunken. Ich, als Inhaberin eines Studentenlebens, kenne mich mit nächtlichem Essen aus. Aber ich war schon früher ein Flaschenkind und verstehe bis heute den Sinn einer Handtasche nicht, da eine Flasche Wasser dort keinen Platz findet. Ein weiteres Verbot der Fastenzeit kommt meinem heutigen Tag entgegen. Küssen und Sexualverkehr ist untersagt. Mein Freund ist am heutigen Tag unterwegs, was unser harmonisches Zusammenleben schützt. Denn im Kontrast zur aktuellen Stimmungslage scheint jeder Ikea-Besuch am Samstag ein romantischer Ausflug zu sein. Letztendlich küsse ich an diesem Abend mein Wasserglas. Unsere Beziehung überlebt auch meine Fastenzeit für Anfänger, was ich als Erfolg verbuche. Als mich später eine Freundin erschüttert fragt, ob ich auch nicht trinken darf, bin ich im Ramadan-Leben angekommen.

Diese Zeilen des Selbstmitleides wurden in den durstigen Zeiten geschrieben. Doch es gab Oasen in der Wüste des Fastens. Ich bin eine bekennende Atheistin und stehe religiösen Verboten und Geboten, die die Freiheit der Menschen einschränken , skeptisch gegenüber. Wenn Kinder von den religiösen Weltbildern ihrer Eltern – und oftmals mit der Furcht vor einer Macht, die sie beurteilt – aufwachsen, empfinde ich dies als Einschränkung der freien Persönlichkeit. Ich selbst hatte früher genug Angst vor der Dunkelheit und – meinen Eltern sei Dank – nie die Befürchtung, dass mich ein Gott bewertet oder bestrafen könnte. Dafür bekam ich aber auch keine vorgefertigte Anleitung für den Umgang mit dem Tod oder ein Buch, in dem der Sinn meines Lebens erklärt wurde.  Wenn Menschen eine Religion als Begründung für ihre Fehler, die Grausamkeit der Welt und fehlende Toleranz missbrauchen, dann werde ich wütend. Wenn Menschen unter dem Deckmantel einer Religion morden, überlege ich, ob die Zeit der Aufklärung schon stattgefunden hat. Ich gehöre keiner Religion an und möchte keiner Glaubensgemeinschaft angehören. Trotzdem muss ich zugeben, dass mein Glaube an die Vernunft der Menschen in heutigen Zeiten naiver als religiöse Weltanschauungen erscheint. Meinen Fastenversuch würde ich mit der Note ‚Mangelhaft‘ benoten und wahrscheinlich kann man, wenn man dies für ein Gebot Gottes hält, besser fasten.

Auch wenn ich es in meinen durstigen Minuten – in welchen ich eine Instanz verurteilte, an die ich nicht glaube – nicht für möglich gehalten hatte, so hat dieser Ramadan-Versuch etwas bewirkt. Auf meine öffentlichen Äußerungen über meine Fastenzeit haben Menschen reagiert. Ich würde Menschen belächeln, die einen Tag ins Fitnessstudio gehen und später über Hochleistungssportler schreiben. Naja, auch dieser Vergleich erscheint ‚Mangelhaft’. Die Nachrichten belächeln mich nicht. Es sind Zeilen, die mich glücklich machen, die Wertschätzung aussprechen und implizieren, dass dieses Interesse an ihrer Kultur nicht zum Alltag gehört. Obwohl ich nicht für einen Gott faste, werde ich in Gespräche aufgenommen. Mein Versuch scheint eine willkommene Ablenkung zu sein. Eine Brücke zwischen den Fastenden und den verwirrten Nicht-Fastenden, die jeden Tag fragen, ob man trinken dürfe und versichern, dass dies ungesund sei. Vor den Menschen, die sich als Kollektiv in Köln anscheinend distanzieren sollten, habe wohl ich mich in den vergangenen Jahren distanziert.

Als ich im Dönerladen stehe und mit dem Verkäufer über den Ramadan und seine Kultur spreche, wird mir bewusst, dass ich dieses Gespräch an jedem Tag führen könnte. Diese Brücke basierte nicht auf meinem Fasten für Anfänger, sondern auf meiner Wahrnehmung. Ein Teil meines Alltages gehörte zu ihrem. Wie in der Raucherecke eine Gemeinsamkeit geteilt wird und die Nikotin-Sucht eine Brücke – wenn auch eine tödliche – aufbaut, so geschah dies hier. Und letztendlich teilen wir mehr, als einen Teil unseres Alltages.

Ich bekomme später einen Ayran geschenkt und muss nachdenken. Ich muss nachdenken, weil wir keine Fastenzeit benötigen sollten, um zu bemerken, dass wir mit unseren Mitmenschen mehr als den Wohnort teilen. Ich muss nachdenken, weil ich feststelle, dass ich diese Erfahrung an jedem Tag machen könnte. Und ich muss mir eingestehen, dass eine religiöse Tradition zu einem offenen Miteinander geführt hat. Letztendlich war dieser Tag ein geringer Preis für die ehrlichen Gespräche, die Nachrichten und das Kennenlernen der Muslima, die im Döner-Laden einen Pide bestellte. Wenn ich meine Religionskritik, die jede Religion betrifft, zurückstelle, dann habe ich die Fastenzeit früher mit dem Verbot des Trinkens und Essens assoziiert. Heute ist mir bewusst, dass in dieser Zeit mehr geschieht. In der Fastenzeit soll jede Sünde unterlassen werden. Ziel ist es, mehr Selbstbeherrschung, Konzentration auf das Wesentliche und mehr Barmherzigkeit gegenüber bedürftigen, kranken und armen Menschen zu erlangen. Mit dieser Komponente des Fastens kann ich mich identifizieren. Letztendlich habe ich einen kleinen Teil einer Kultur kennengelernt und kann ansatzweise nachvollziehen, wie sich meine fastenden Mitmenschen fühlen.

Berührt hat mich die Herzlichkeit meiner Mitmenschen, die in meiner unmittelbaren Umgebung wohnen, aber selten zu meinem Alltag gehören. Geschätzt habe ich die Einladungen zum Fastenbrechen und die Möglichkeit, an einer fremden Tradition teilzunehmen, ohne dass auch nur eine Person mein Dasein als Atheistin kritisiert hätte.  Geliebt habe ich diese Aussage eines neuen Freundes: „Wir teilen mehr als eine Zigarette oder die Fastenzeit. Wenn wir das bemerken, könnten wir dann auf die Gemeinsamkeit des Fastens verzichten?“

Ich wäre erleichtert.

Darauf einen Schluck Wasser und eine Dattel.

Und nicht zu vernachlässigen: Eine große Errungenschaft für meine muslimischen Freunde ist es, dass ich nie wieder frage, ob sie in der Fastenzeit nicht trinken dürfen.

 

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Erfahrungsbericht über meinen Ramadan: „Du darfst auch nicht trinken?“ 

  1. Das ist ja mal eine ungewöhnliche Art, sich mit einer anderen Kultur zu beschäftigen! Dein Bericht ist interessant und lebendig geschrieben. Allerdings ist es für Muslime sicher einfacher als für dich, denn sie wachsen mit dieser Tradition auf und kennen Herangehensweisen, damit man das aushält. Und sie sind natürlich von lauter Menschen umgeben, die auch nicht essen und trinken.
    Ich persönlich würde nicht so weit gehen, in eine andere Kultur so tief einzutauchen, da ich einen ganz anderen Hintergrund habe. Ich erwarte ja auch von Muslimen nicht, dass sie zur Beichte gehn. 😉
    Was ich wichtig finde ist, Menschen anderer Kulturen so zu nehmen, wie sie sind. Ich hinterfrage sie nicht, sondern bin nur neugierig darauf, wie andere leben. Was mir gefällt, übernehme ich gerne. Den Familienzusammenhalt z.B.. Aber mir gefällt auch manches nicht, die Burka-Pflicht z.B., wie mir manches an Deutschen nicht gefällt. Mal sage ich was, mal nicht.
    Immerhin hast du zwei Tage Ramadan durchgehalten, ich glaub das würd ich nicht schaffen! 😉

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    1. Danke für deinen ausführlichen und so motivierenden Kommentar. Ich denke, dass mein Interesse an dieser Kultur durch den ständigen Alltag mit meinem Schülern (- ich unterrichte Flüchtlings- und Integrationsklassen) gestiegen ist. Die Gespräche, der Kontakt mit neuen Menschen und ihre Herzlichkeit haben diese Zeit zur einer schönen Erfahrung gemacht. Ich habe nach diesen zwei Tagen entschieden, dass ich in den kommenden Monaten mehr miterleben möchte. Ich selbst werde immer Atheistin bleiben, aber ich würde gern nochmal eine Moschee, eine Synagoge oder auch eine Kirche besuchen, um ins Gespräch zu kommen. 🙂 Ich halte von religiösen Geboten und Verboten aus psychologischer und moralischer Sicht wenig, würde die Religionsfreiheit aber trotzdem verteidigen. Danke dir fürs Lesen und deinen wunderbaren Kommentar! 🙂 (Kurzer Hinweis: Ich bin auf Facebook unter @fraukunst etwas aktiver).

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      1. Ich war schon mehrmals in einer Moschee, und natürlich in Kirchen. Ge- und Verbote würde ich nicht an Religionen festmachen, sondern an Werten, die das Zusammenleben ermöglichen. Ohne Regeln geht es nicht.
        Bei uns war es heute übrigens wie ausgestorben, kein einziger Kursteilnehmer ließ sich sehen (bei dir wahrscheinlich auch nicht), heute und morgen finden keine Kurse statt. Zuckerfest. 🙂

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      2. Ich war überrascht, aber meine Schüler waren heute Abend anwesend und haben auf Nachfrage erzählt, dass ihnen der Unterricht zu wichtig ist. Wenigstens haben wir uns heute ’nur‘ unterhalten und einen schönen Abend gehabt. Aktuell unterrichte eine Integrationsklasse (B1.a) und in meinen Flüchtlingsklasse wären weniger Schüler anwesend gewesen 🙂

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  2. Interessante Beobachtungen und Überlegungen hast du da. Ich stehe dem Fasten aus meinen Erfahrungen, die ich in Saudi Arabien gemacht habe, kritischer gegenüber. Zu oft habe ich erlebt, dass sich die dortigen Muslime über die Wirkungen des Fastens in die eigene Tasche lügen, und ich habe den Ramadan dort hauptsächlich als stressig und überhaupt nicht bereichernd empfunden. In Saudi erliegt das öffentliche Leben tagsüber fast ganz, alle Aktivitäten werden, wenn es irgend möglich ist, in die Nachtstunden gelegt (und was da stattfindet ist mehr Völlerei als Verzicht), nur wer unbedingt arbeiten muss, tut dies, kaum ein Saudi arbeitet in diesem Monat Vollzeit. Fasten bei uns (besonders in unserem Sommer mit den vielen Sonnenstunden), wo normale Arbeitsleistung erwartet ist, halte ich für unangebracht. Nichts trinken halte ich sogar für gesundheitsschädlich. Dieses Jahr fiel der Ramadan besonders ungünstig für Schüler, die in dieser Zeit ihre letzten und oft wichtigsten Klassenarbeiten und Prüfungen schreiben. Kinder sind ja nicht verpflichtet zu fasten, sie versuchen es aber trotzdem, und Jugendliche sollen sich eigentlich schon daran halten.

    So bin ich eigentlich dagegen, was aber nicht heißt, dass ich Muslime dahingehend missionieren will.

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  3. Deine Ansicht über Beurteilung und Strafe ist.. etwas kurzsichtig. dein ganzes Leben besteht im Grunde genommen aus Beurteilung und bei Missfallen aus Strafe. Das fängt an wenn eine Frau schwanger ist. Regelmäßige Untersuchungen um zu klären wie groß wie schwer wie entwickelt es ist und sollte sich etwas wie eine Behinderung zeigen- Empfehlung zur Abtreibung. Die erste Strafe die ein ungeborenes erdulden muss- in dem Fall auch die letzte. Aber es geht weiter für jene die zur Welt kommen dürfen. Deine Mutter urteilt über Schmerz und Wehendauer bei dir, der Arzt über deine Maße und deine Gesundheit. Im Kindergarten musst du brav sein und unauffällig sonst darfst du Strafsitzen neben der Erzieherin,eine Stillarbeit machen, oder… In der Schule wird beurteilt ob du so schnell und gut bist wie die Mitschüler sonst droht eine schlechte Note und wenn du nicht funktionierst geht es bis zum Diszi und Rauswurf aus der Schule. deine Noten entscheiden über deinen Abschluss, bei Bewerbungen wird beurteilt ob man dich einstellt oder lieber jemanden anders… Dein ganzes Leben wirst du beurteilt und sobald du aus der DIN-Norm fällst auf die eine oder andere Art bestraft. Menschen neigen aber zur Ungerechtigkeit, zur Oberflächlichkeit und zum Egoismus. Kann der Lehrer dich nicht leiden bekommst du halt eine schlechtere Note als der Lieblingsschüler- verdient oder nicht. Gott hingegen ist gerecht. Für mich ist klar dass Erexistiert, denn das gesamte perfekte Zusammenspiel des gesamten Universums, aber auch im Kleinen allein der menschliche Körper bietet soviel Hinweise darauf das „Zufall“ nicht der Urheber sein kann. Auch Evolution braucht einen Anfang der nicht von selbst kommt.

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