“Vor dem Gerichtstermin prüfe ich mein Erscheinungsbild.” – #metoo

In einem Laden in Stuttgart möchte ich einem fremden Kind ein Auto kaufen. Das Kind steht mit dem Plastikauto, das irgendwann die Umwelt verschmutzen wird, vor der Mutter. “Ich möchte das haben”, hörte ich und erwartete Sätze, die ich nie vergessen werde. – “Bald ist Weihnachten.” – “Du hast genug Spielzeug zuhause.” – “Man kann nicht alles haben.” – Ich stehe mit meinen Glühbirnen an der Kasse, während die Mutter antwortet.  “Du brauchst kein Feuerwehr-Auto, das ist etwas für Jungen. Suche dir etwas anderes aus.” 

Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass es sich bei diesem Kind, um ein Mädchen handelte. Und ich hatte in diesem Moment vergessen, dass ein Mädchen nicht mit einem Auto spielen sollte. Hatte vergessen, dass Jungen keine Puppen haben. Ich frage mich, ob ich meine Glühbirne kaufen darf. Eine Frau wechselt keine Glühbirnen. Eine alltägliche Situation, die nicht zum Alltag gehören sollte. Ein Moment, in dem einem Kind erklärt wird, wie es zu sein hat. Ein Kind, das kein Kind sein darf, sondern ein Mädchen oder ein Junge sein muss. Auf dem Heimweg wischt mein Daumen über den aktuellen Hashtag, bleibt an Kommentaren hängen, dann beginne ich den Text zu schreiben, der zu lange nicht geschrieben wurde. Warum er nie geschrieben wurde? Vielleicht dachte ich, dass es keinen Grund für diesen Text gäbe.  Letztendlich ist diese Antwort erschreckend. Meine folgenden Schilderungen sollten nicht zum Alltag gehören, meine folgenden Gedanken sollten nicht zur Normalität gehören und letztendlich sollte es keinen Grund für diesen Text geben. Es gibt leider genügend Gründe.

– „Er war ein Täter.“ –

Wenn ich diesen Text schreiben werde, dann wird er mit der Schilderung des Abends beginnen. Du bist mir an meine Haustür gefolgt, du wolltest in meine Wohnung und dort sicherlich nicht die Innenausstattung begutachten. Du gehörst nicht in diese Stadt, nicht in dieses Haus, nicht in meine Wohnung. Deine Hand gehörte nicht an meine Wange, deine Kraft nicht gegen die Tür und deine Stimme nicht nah an mein Ohr. Du hättest zwei Bahnstationen früher aussteigen sollen. Mehr Schilderung ist nicht nötigt. Wichtig ist nicht die Beschreibung des Tathergangs und die eindrucksvolle Schilderung deiner Handlung. Auch vor Gericht betreffen die ersten Fragen nicht die Tat, sondern mein Handeln. Warum war ich allein auf dem Heimweg und weshalb lebe ich in dieser Gegend? In meiner Kindheit wurde ich mit diesen Fragen vertraut gemacht. Mädchen lernen, dass sie sich vor Männern schützen müssen. Der Rock ist zu kurz, der Heimweg zu lang und das Oberteil zu aufreizend. Ein Lehrer erklärte einer Mitschülerin im Unterricht, dass ihr Ausschnitt ihre Mitschüler ablenken könnte. Beruhigend, wenn Aufsichtspersonen erklären, dass Männer nur Opfer ihrer Natur seien. War der Mann, den ich angezeigt habe, auch nur ein Opfer seiner Natur? Nein, er war ein Täter. Und doch erwische ich mich, wie ich vor dem Gerichtstermin meine Kleidung, mein Make-Up und meine Haare prüfe. In der realen Befürchtung, dass mein Erscheinungsbild seine Taten rechtfertigen könnten. Mein Erscheinungsbild scheint im Alltag eine generelle Berechtigung zu sein.

Ich bin eine Frau, deshalb pfeifen mir Männer hinterher und erklären, dass dies ein Kompliment sei. Pfeifend. Anstarrend. Später fragen diese Männer einen Mitmenschen nach der Uhrzeit. Dann siezen sie. Dann bedanken sie sich. Ich werde in der Bahn von einer fremden Person “Süße” genannt. In der Innenstadt fragt mich ein Mann, ob ich Kondome für uns dabei habe. Ein Bekannter erklärt mir, dass Frauen wollen, dass Männer in ihr Dekolleté schauen. Diese Menschen implizieren damit, dass Frauen ihre Kleidung tragen, um Männern zu gefallen. Männer lachen, wenn ich ihnen erkläre, dass dies nicht so ist. Mitschüler habe Listen erstellt, in denen sie die Oberweite ihrer Mitschülerinnen bewerteten. In der Universität erklärt mir ein Professor, dass ich für ein Mädchen ausgezeichnet sei. “Mädchen sollten lieber ein Auto ohne Schaltung fahren”, behauptet mein Fahrlehrer. „Angetrunkene Männer können nicht anders“, erklärt eine Freundin. Eine Verwandte  erzählt, dass ich keinen kurzen Rock tragen sollte. Und wenn ein Mann auf lange Röcke steht? Männer empfehlen mir, dass ich Kinder bekommen sollte. Die Karriere sei nicht wichtig, erzählt der Familienvater und Besitzer einer Führungsposition.  Bekannte bezeichnen eine Freundin, die freie Entscheidungen trifft, als Schlampe. Männer, die ihre Frauen vor Flüchtlingen schützen möchten, schreiben unter meinen Kommentar: “Dummes Weib, lass dich vergewaltigen von deinen Flüchtlingen, dann kommst du heulend bei einem deutschen Mann angekrochen.” Eine schwangere Frau kauft rosafarbige Babykleidung und erzählt, dass sie eine Prinzessin bekommt. Später versuche ich Kleidung für das Kind eines Freundes zu kaufen. Kinderkleidung und keine Mädchen- oder Jungenkleidung. Ein Mann starrt mir in der Bahn auf die Brüste, ein anderer fasst mich an und ein weiterer will nicht akzeptieren, dass er meine Nummer nicht bekommt. In der jugendlichen Verunsicherung trage ich einen Schal. Eine Woche später fordert ein Mann, dass ich den Schal ablegen soll. Ihm würde der Anblick gefallen. Eine Mitschülerin weint, da ihr Großvater gestorben ist, dann schreit der Schulleiter: “Immer diese weinenden Mädchen. Reißt euch endlich zusammen.” Als Jugendliche lerne ich, dass Stöckelschuhe zu anzüglichen Bemerkungen führen.

– „Eine Frau, die sich wehrt, ist eine Zicke.“ –

Es ist ein Kampf. In einigen Situationen hebe ich meine Schultern und versuche Autorität auszustrahlen. Vielleicht etwas zurückrufen. “Warum zeigst du nicht einfach deinen Mittelfinger?”, fragt ein Freund. Habe ich gemacht. “Mensch, bist du prüde, Süße”, hat der Mann geantwortet. Ich habe deutlich gesagt, dass ich nicht angefasst werden möchte. “Hast wohl deine Tage”, wurde ich belächelt. Es ist ein ewiger Kreislauf. Es wird sexistisch, ich wehre mich und bekomme eine sexistische Antwort. Er nennt mich “Süße”. Ich wehre mich. “Du bist empfindlich.” Jemand erklärt mir, was ich darf und nicht darf. Ich wehre mich. “Hab dich doch nicht so.” Ein Mann erklärt mir, dass seine Kollegin “geile Brüste” hat. Ich wehre mich. “Bald darf man gar nichts mehr sagen.” Ein Bekannter lässt einen sexistischen Kommentar fallen. Ich wehre mich. “Ach, die Feministin immer.” Wenn ich mich wehre, dann bin ich “weinerlich”, “prüde” und “humorlos”. Wenn sich ein Mann in die Situation einmischt und die betroffene Frau unterstützt, dann wird seine Handlung anders bewertet. Ein Mann, der eine Frau schützt wird zum Helden, dessen Handlung anerkannt ist. Eine Frau, die sich selbst schützt wird zur Zicke, die nicht locker genug ist. Ich kann mich wehren, aber meistens führt meine Reaktion zur sexistschen Gegenreaktion. Und letztendlich kann ich die sexuelle Belästigung oder den sexistischen Kommentar nicht ungeschehen machen. Die Person hat mich schon berührt, zum sexuellen Objekt deklariert oder erniedrigt. Wenn ich mich wehre, dann bin ich eine weibliche Zicke. Wenn ich mich nicht wehre, dann bin ich ein Objekt für den Mann.

Ich versuche meinen Mitmenschen mit Respekt zu begegnen, während mich andere belästigen und erniedrigen. Der Grund für dieses Verhalten? Ich bin eine Frau. Und die Ausmaße dieser sexistischen Verhaltensweisen? Gewaltig. Meine Mutter wurde belästigt. Meine Cousinen. Meine Oma. Meine Tanten. Meine Freundinnen. Meine Nachbarin. Solltest du jemals eine Tochter bekommen, dann wird diese belästigt werden. Solltest du eine Mutter, eine Schwester, eine Freundin, eine Tante haben, dann wird diese aufgrund ihres Geschlechts belästigt worden sein.

Klingt scheiße? Ist es auch.

Und ja, es ist auch scheiße, wenn Männer aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Kindern wird erklärt, dass ein Indianer keinen Schmerz kennt. Männer, die lernen, dass sie zum starken Geschlecht gehören, und sich später nicht trauen die Gewalttätigkeiten einer Frau anzuzeigen. Jungen, die im Kindergartenalter ihre Puppen im Schrank verstecken. Männer, die sich für ihre Depressionen schämen und keine Hilfe suchen. Und ja, nicht alle Männer sind Täter sowie nicht alle Frauen nur Opfer sind. Sexismus betrifft alle Geschlechter und nicht nur Frauen oder Männer. Es ist eine Form der Diskriminierung, mit der ich nicht leben möchte. Und ich möchte den Kindern, die ein Feuerwehrauto wollen, all diese Erfahrungen ersparen. Ich möchte den Kindern, die ihre Puppe im Schrank verstecken, all diese Erfahrungen ersparen. Wenn wir einem Kind erklären, wie ein Mädchen sein muss, implizieren wir die Definition des Jungen. Wenn wir einem Kind erklären, wie ein Junge sein muss, implizieren wir die Definition eines Mädchens. Die ersten sexistischen Ansichten entstehen im Kinderzimmer, enden im Büro, im Alltag und im öffentlichen Leben. Meine Schilderungen sollten nicht zum Alltag gehören, meine Gedanken sollten nicht zur Normalität gehören und letztendlich sollte es keinen Grund für diesen Text geben. Es gibt leider genügend Gründe.

Und wenn wir nicht umdenken, werden unsere Kinder auch genügend Gründe finden.

 

(Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen: Die Mutter im Laden hatte ihren Kindern gesagt, dass sie sich etwas aussuchen sollen.)

19 Gedanken zu ““Vor dem Gerichtstermin prüfe ich mein Erscheinungsbild.” – #metoo

  1. Im Grunde ist die Situation gespenstisch. Wenn ich ehrlich bin, das heißt, auch – und vor allem – mir selbst gegenüber – habe ich immer = I M M E R Angst, wenn ich mit einem Mann alleine in einem Raum bin. Unterschwellig. Mein Vater war gewalttätig, das ist vielleicht ein Grund. Es geht dabei nicht um Mitleid. Unzählige Mädchen bekommen diese Form von Aggression tagtäglich ab. Und haben dann diesen Button im Kopf: Mann gleich Angst. Nochmal, es geht nicht um Mitleid. Doch wir müssen – jede und jeder für sich – diese Situationen der Ungleichheit benennen, um klar zu sehen. Schuldzuweisungen führen – wie übrigens fast immer – zu gar nichts. Die Gespenstersituation muss weg. Denn alles, was latent bleibt und ungesagt, hat die größte Macht über uns. Und das bedeutet in diesem Fall: sie lähmt uns alle.

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    1. Ich hoffe, dass zur heutigen Zeit weniger Kinder unter der Gewalt ihrer Eltern leiden. Und ich möchte dir sagen, dass es mir Leid tut, dass du diese Gewalt erleben musstest. Du hast vollkommen Recht. Mitleid, Wut und Angst hilft leider selten. Wie du schon sagst, „sie lähmt uns alle.“ Ich bin froh, dass ich keine Angst entwickelt habe. Aber natürlich gibt beängstigende Situationen, in denen ich mich – wie beschrieben hilflos – fühle. Ich wünsche mir, dass Frauen und Männer über Gewalt sprechen können und wir anerkennen, dass sich keine Form des Missbrauches rechtfertigen lässt. Alle Geschlechter leiden unter den Bildern, denen ihnen die Gesellschaft aufzwingt. Es gibt zu viele Männer, die sich nicht in psychologische Behandlung begeben oder die Gewalt einer Frau dulden, weil sie sich schämen. Und es gibt an jedem Tag zu viele Frauen – jede einzelne ist eine zu viel -, die leiden. Schuld ist jeder Mensch, der mit seinen Mitmenschen respektlos umgeht. Und ich stimme dir vollkommen zu, dass Schuldzuweisungen nicht helfen. Ich hoffe, dass ich in meinem Text – wenigstens in Ansätzen – verdeutlichen konnte, dass nicht DIE Männer oder DIE Frauen die Schuld tragen. Danke für deine offenen Worte und liebe Grüße von mir!

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  2. Ach Leute, was bin ich froh, dass ich alt und faltig werde.
    Wenigstens EIN Grund, darüber froh zu sein: Ich muss nicht mehr dauernd in Angst und Abwehr vor oben beschriebenen Verhaltensweisen rumlaufen.
    Mann übersieht mich jetzt eher. Also jedenfalls diejenigen, die „es“ (ich weiß nicht, was eigentlich) attraktiven Frauen irgendwie „zeigen“ müssen.
    Verdammt, ich dachte, das sei irgendwie inzwischen besser geworden.
    Und ja, ich bin immer so rumgelaufen und hab nicht groß drüber nachgedacht. War halt so. Ist schon besser, man / frau macht es sich klar und hat ’ne Wut.

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    1. Es ist in den letzten Jahren auch besser geworden. Dies möchte ich auch nicht vergessen. Viele Gesetze in den letzten Jahren haben sich für mehr Gleichberechtigung eingesetzt und wenn ich überlege, was meine Oma noch erzählt, dann bin ich froh, dass sich so viel getan hat. Trotzdem: dies ist nicht die erste und die letzte Debatte über diese Thematik. Ich danke dir für deinen wertschätzenden Kommentar und wünsche Dir alles Liebe! 🙂

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    1. Danke dir! Ich war damals noch jünger. Ich würde heute – dies denke ich zumindest – „selbstbewusster“ auftreten und mehr für meine Rechte kämpfen. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich damals nicht durchgegriffen habe.. . Ich war nicht vorbereitet und hatte keine Ahnung, wie und was nach der Anzeige passieren wird. Ich denke, dass dies heute besser läuft. Und ich bin froh, dass ich diesen Text geschrieben habe. Ich schreibe über viele Dinge, die mich beschäftigen. Aber ich habe all die Jahre über diese Erfahrung geschwiegen. Herzliche Grüße aus Stuttgart 🙂

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  3. Himmel, ich schreibe jetzt echt schon seit einer Stunde an diesem Kommentar und finde nicht die richtigen Worte. Ich glaube, unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Überleg mal, wie die Situation deiner Großeltern war. Hat deine Oma einen Führerschein? Meine nicht. Meine Mutter hat zwar einen Führerschein, aber seit dem wir Kinder da sind (haha, und mittlerweile sind wir erwachsen), geht sie nicht mehr arbeiten, weil mein Vater dagegen war. Und ich? Ich habe sogar ein eigenes Auto, hab studiert, gehe arbeiten – achso, dafür hab ich keinen Mann ;-D aber das ist ein anderes Thema.
    Verstehst du, was ich meine? In den letzten 100 Jahren hat sich unheimlich viel getan. Und es tut sich immer noch was. Es wird seine Zeit brauchen bis Männer und Frauen als gleichwertig betrachtet werden, denn es erziehen Eltern und Großeltern mit unterschiedlichen Erfahrungen. Das klassische Rollenbild ist noch zu sehr in den Köpfen verankert und muss sich erst auflösen.
    Ich kann mir vorstellen, dass das insbesondere für die Männer schwierig ist. Sie wurden zum starken Helden, Familienernährer, ggf. Täter erzogen, seit Jahren. Die Männer waren schon immer Indianer, Polizist, Feuerwehrmann, egal ob Opa, Papa oder unsere Generation. Aber die Frauen haben sich geändert. Sie wollen nicht mehr die graue Hausfrau sein, denn sie dürfen jetzt auch zur Feuerwehr/Bundeswehr what ever. Daran müssen sich die Männer erst noch gewöhnen und das akzeptieren.
    Viele Frauen halten sich aber auch selbst klein und geben so den Männern die Macht zu sexistischen Aussagen. Ich kenne tatsächlich Frauen, die noch nie ihr Auto selbst betankt haben, geschweige denn eine Glühbirne wechseln können. So bietet Frau natürlich eine Angriffsfläche.
    Körperlich sind Frauen Männern natürlich unterlegen, das ist Fakt. Das ist eine Angriffsfläche, die Mann aber nicht ausnutzen sollte. Wir leben ja nicht mehr in der Steinzeit. Hat aber nicht jeder Mann verstanden und betrachtet Frau als Beute. Manche Frauen verhalten sich aber so. Ganz ehrlich: Ausschnitt bis zum Bauchnabel – wen will Frau damit provozieren wenn nicht einen Mann? Wer keine Blicke und Sprüche riskieren will, soll halt nen Rollkragenpulli tragen. Klar, das ist überspitzt, aber Kleidung hat eine Außenwirkung. Wenn ich als Frau ernstgenommen werden will, muss ich mich auch entsprechend verhalten bzw. kleiden.
    So, wieder eine Stunde rum und ich könnte noch viel mehr schreiben. Aber das wird kein Ende nehmen.

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    1. Danke dir für deinen ausführlichen Kommentar und all die Zeit, die du investiert hast. Du hast Recht: Man könnte ewig über dieses Thema diskutieren. Und ich finde es schön, dass du deine Meinung mit mir teilst. Diese Möglichkeit sollten wir wertschätzen, denn in vielen Ländern könnten wir nicht schreiben, was wir denken. Genau über diese Thematik habe ich heute mit einer weiteren Bloggerin geschrieben. Es hat sich viel verändert und es wird sich viel verändern. Und nicht nur im Vergleich zu den vergangenen Jahren sollten wir auf die Veränderungen stolz sein. Ich habe in diesem Jahr mit einigen Frauen aus Tunesien kommuniziert und diese – wegen eines politischen Projekts – besucht. Hier ist die Rollenverteilung noch mehr verankert. Auch wenn die gesetzliche Grundlage die Gleichstellung zwischen Mann und Frau vorsieht, sieht die Realität dort ganz anders aus. Beispielsweise haben wir vor Cafés die Straßenseite gewechselt, küssen ist auf den Straßen verboten und teilweise kommen die Frauen aus sehr konservativen Häusern. In Tunis bemerkt man die Veränderungen aber auf dem Land ist die Rollenverteilung noch stark verankert. Insbesondere im Gespräch mit geflüchteten Frauen – ich habe Flüchtlingsklassen unterrichtet – wurde mir immer wieder bewusst, wie wertvoll unser Grundgesetz und unsere Gleichstellung ist. Diese Veränderungen, die wir in den letzten Jahren hatten, basieren auf Diskussionen, gesellschaftlichen Entwicklungen und Menschen, die ihre Meinung geäußert haben. Ich bin der Meinung, dass eine Gesellschaft einen Diskurs benötigt, der auf Wertschätzung und Toleranz basiert. Deshalb danke ich dir für deinen wichtigen Kommentar. Ich stimme dir wirklich zu und möchte verdeutlichen, dass ich nicht an der aktuellen Situation verzweifelt und natürlich die wertvollen Entwicklungen der vergangenen Jahre sehe und wertschätze. Und ich möchte, dass die nächste Generation auf unsere Errungenschaften zurückblicken kann. Denn – wie du schreibst – gehören die Rollenbilder zu unserer alltäglichen Wahrnehmung und wir können etwas verändern, indem wir unseren Kindern erklären, dass diese Bilder nicht der Realität entsprechen müssen. Ja, die Rollenbilder betreffen nicht nur die Frauen. Ich denke, dass insbesondere Jungen und Männer unter diesen Bildern leiden. Wie im Text geschrieben, werden Gewalttaten von Frauen selten angezeigt. Jungen wird beigebracht, dass sie zum stärkeren Geschlecht gehören und für Männer ist es eine Schande, wenn Frauen sie unterdrücken. Deshalb finde ich es wichtig, dass nicht allein über die Frauen gesprochen wird. Letztendlich sollte kein Geschlecht unter einem gesellschaftlichen Rollenbild leiden! Deshalb habe ich versucht meinen Text nicht allein auf das „Leiden“ der Frau zu beschränken. Rollenbilder sind wichtig, da sie unser soziales Miteinander vereinfachen. Wenn wir einem neuen Menschen begegnen, dann bemerken wir zuerst (unterbewusst) das Geschlecht der Person. Wichtig ist nicht, dass wir keine Geschlechter mehr zulassen, sondern, dass wir uns von diesen Rollenbildern nicht mehr einschränken lassen. Ja, Frauen und Männer spielen mit diesen Vorurteilen und auch ich kenne Frauen, die Anerkennung (bspw. mit einem tiefen Ausschnitt) suchen. Dazu haben sie das Recht.

      Zitat: „Ganz ehrlich: Ausschnitt bis zum Bauchnabel – wen will Frau damit provozieren wenn nicht einen Mann? Wer keine Blicke und Sprüche riskieren will, soll halt nen Rollkragenpulli tragen. Klar, das ist überspitzt, aber Kleidung hat eine Außenwirkung. Wenn ich als Frau ernstgenommen werden will, muss ich mich auch entsprechend verhalten bzw. kleiden.“

      Nur wie definiert man „passende Kleidung“? Ich möchte nicht belästigt werden. Wie ich geschildert habe, habe ich deshalb in frühen Jahren einen Schal getragen und tiefe Ausschnitte vermieden. Aber auch diese Kleidung hatte für einige Männer ihren Reiz. Ich kann mich dem Sexismus nicht mit der passenden Kleidung entziehen. Ich bekomme auch Sprüche und Blicke ab, wenn ich mich „normal“ anziehe. „Warum so zugeschnitten?“, „Könntest du nicht den Schal ausziehen? Das würde mir gefallen.“ , „Was trägst du unter dem Mantel..“ usw.. Ja, es gibt Frauen, denen diese Sprüche gefallen und es gibt Männer, die ihr Rollenbild lieben. Die wird es immer geben. Ich kenne auch Frauen, die sich gern dem Mann unterordnen (beispielsweise Christen aus meinem Heimatdorf) und Männer, die denken, dass die Frau an den Herd gehört. Doch diese Menschen sollten nicht die Regeln für das gesellschaftliche Miteinander diktieren. Wer sich selbst so verwirklichen möchte, darf dies tun. Doch diese Frauen sollten nicht als Argument gegen die Frauen im Allgemeinen gelten. Sowie die Männer, die Frauen belästigen, nicht für alle Männer stehen. Ochje, du hast Recht: wir könnten ewig schreiben. Und auch ich habe das Gefühl, dass ich viele Gedanken nicht ausführlich und differenziert genug aufschreiben konnte. 🙂 Ich werde mir die kommenden Tage noch einige Gedanken machen! Ganz herzliche Grüße aus Stuttgart, Sarah.

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  4. Hallo und so, jetzt hab ich (m, mittleres Alter) das alles 2 mal durchgelesen. Und nur ein, zwei kurze Sätze hierzu.
    „Ein Mann der eine Frau schützt, wird zum Helden.“ Da sollte man differenzieren. Da wo der ‚Schutz‘ früh beginnt, also mit der Einmischung bei sexistischen Kommentaren, gilt man unterschwellig u.U. als Nestbeschmutzer, so mein Empfinden. Der Held entsteht erst bei gesellschaftlich 100% anerkannten Schutzmaßnahmen.
    Dann: Ich selbst bin noch sehr geschlechtergetrennt erzogen worden und wenn ich ehrlich bin, haben sich manche Verhaltensarten bis heute durchgezogen. Klar, die langen Strecken mit dem Auto fahre ich, die Haushaltsarbeitsaufteilung entspricht auch weitestgehend dem Standard. Für die sozialen Kontakte ist ’sie‘ überwiegend zuständig. Alles noch ein Automatismus. Natürlich ‚kann‘ ich alles, wäre unabhängig und entscheide auch selbst was ich anziehe 😉
    Dass ich abends mal losziehe, kommt öfters vor als umgekehrt. Ich denke, es ist noch ein langer Weg.
    Zu Somis Kommentar vielleicht noch: meine Erfahrung mit der erwachsen werdenden Generation zeigt zu meinem Entsetzen, dass diese teilweise sehr retro eingestellt ist, hinsichtlich der beruflichen Zukunft, hinsichtlich der Partnersuche (Jungs sind in der Pflicht und suchen zeitlebens nach dem Ritterhelm, dabei änstigen sie sich zu Tode, die Mädels warten auf den Ritter, der sie den Fängen des Ungeheuers entreißt und in ein grellweißes Kleid steckt um sie ihrer Bestimmung zuzuführen).
    Und ja, ich finde schon, die Jungs haben es nicht leicht (wobei ich diese Seite der Medaille eben eher verstehe). Zeit Ihrer Kindheit und Jugend sind sie überwiegend in weiblichen Händen, in diesen erziehenden Berufszweigen fehlen einfach Männer. Auf der anderen Seite sind nicht angepasste Mädchen stärker unter Beschuss als nicht angepasste Jungs (die sind eben wild).
    Selbst weiß und wusste ich manchmal nicht wo mir der Kopf steht. Morgens auch mal Zeit haben, die Kinder in den Kindergarten zu bringen, dabei aber frühzeitig bei der Arbeit erscheinen und 10 Stunden am Tag runterreißen. Abends dann den Kindern Geschichten vorlesen, nach dem Tag fragen, gemeinsam lernen, Powerpoint erklären, gemeinsam Räder wechseln, Feuer machen. Den Grill in Kinderhände abgeben, den Netzwerkdrucker installieren, die Glühbirne tauschen, die Spülmaschine einräumen, Hemden bügeln. Im Kino sog. Frauenfilme anschauen und die gut finden. Die Küchensanierung natürlich selbst vornehmen. Die Glühbirne am Auto wechseln, für die Frauenrunde Pizza backen, einen Knopf annähen, die Sender wieder am TV einstellen, FrauTV aufnehmen, weil ’sie‘ auf dem Elternabend weilt. Sich stellvertretend für alle Männer auch mal zu Hause beschimpfen lassen, alles zugeben und locker bleiben. Freitag abends auf dem Sofa gemeinsam niedersinken und sich gegenseitig bedauern. Aber auch teure Dinge ungefragt kaufen, denn man(n) „bringt ja mehr Geld nach Hause“. Das soll nun keine Anklage sein, denn der Gegenseite geht es nicht viel anders, die Themen sind eben ein wenig verschoben, oder ineinandergewoben.
    Aber am Ende passt es dann doch, es ist jedoch immerwährende Arbeit. Und noch schwieriger scheint mir, der jungen Generation beizubringen, dass sie noch strikter sein müssen, wenn sie uns als überholt in dieser Hinsicht betrachten, ja dann haben wir es geschafft.
    Das mal, etwas mehr als drei Sätze.
    Viele Grüße aus dem Stuttgarter Dunstkreis.

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  5. Ein geschliffener Text der mir sehr gefällt. Ich verneige mich tief und bestätige deine Aussage. Ich habe als Kind weniger mit Autos aber umso mehr mit Stofftieren gespielt. Puppen hingegen wurden gesammelt und gepflegt. Die sitzen nun alle in der Kiste im Schrank. Wozu es nach vielen Jahren geführt hat ist der gewaltige Ausbruch eigene Stories erfinden zu wollen. Es ist bereits viel Richtiges geschrieben worden und sage Danke.

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